Leseprobe – Follow Your Darkness (Romance Suspense)

Leseprobe „Follow Your Darkess“ von Marie Louvel

Prolog

Etwas fiel lautstark im Nebenraum um, jemand stöhnte, und ein breites Grinsen erschien auf Jessis Gesicht.

»Holy Shit, der hat da drin ja die Zeit seines Lebens.« Sie lachte, ich ebenso.

»Willst du klopfen und fragen, ob du mitmachen darfst?« Ich zog den auffälligen Lippenstift nach, der mein Make-up komplettierte. Meine dunkel geschminkten Augen und die sanften Wellen meiner braunen Haare ließen mich aussehen wie eine Film-Diva.

Jessi sah mich einen Moment an, ganz so, als überlegte sie wirklich, unseren Kumpel und seinen Auserwählten nebenan mit diesem Angebot zu überraschen. Dann verzog sie das Gesicht. »Ich habe Benjis nackten Arsch leider schon zu oft gesehen und …« Sie seufzte. »Ich denke, es kommt nicht so gut, wenn ich ihn in Aktion erlebe.«

Ich lachte erneut. Benji war ein wenig zu extrovertiert für meinen Geschmack und hielt sich mit den Details seiner Sexgeschichten nicht zurück. Dennoch taten wir vermutlich gut daran, unsere Freundschaft genau auf der aktuellen Ebene zu belassen.

Wieder fiel irgendetwas im Nachbarraum um und nun hörten wir deutlich ein rhythmisches Geräusch, das nicht dabei half, mein Kopfkino in den Griff zu bekommen. Schnell strich ich das bodenlange Abendkleid mit dem ausladenden Reifrock glatt und zog das trägerlose Oberteil zurecht, dann schwebte ich wie eine Prinzessin aus dem Badezimmer im oberen Stock.

»Okay, weißt du, er hat zwar gemeint, er ist gleich wieder da, aber ganz ehrlich, ich habe Besseres zu tun, als ihm beim Vögeln zuzuhören. Ich such mal diesen Typen von vorhin, vielleicht zeigt der mir auch, was er so zu bieten hat.« Jessis endlos hohe Heels klackerten auf den Marmorfliesen, als wir gemeinsam den Flur entlangeilten. Ihr Ballkleid war ebenso auffällig wie meines: dunkelroter Tüll, mit glitzernden Swarovski-Steinchen verziert, ein wahr gewordener Mädchentraum, der dank eines tiefen Ausschnitts zum absoluten Hingucker wurde. Unsere Bilder in der Story gingen bereits durch die Decke, auch wenn der Ball noch nicht einmal begonnen hatte.

Jessi grinste erneut und verschwand, als wir im Erdgeschoss ankamen, in Richtung des Eingangs zum Ballsaal zu einem Security-Guy, den wir vor einer Stunde bereits dort kennengelernt hatten. So blieb ich allein im abgetrennten VIP-Bereich des gehyptesten Events des Jahres zurück, dem Dark-Shadows-Maskenball, bei dem sich an diesem Abend die High Society die Klinke in die Hand geben würde. Doch obwohl ich in meinem schwarzen Prinzessinnenkleid umwerfend aussah, bereits in der pompösen Villa war, die die Bennets für dieses Event zur Verfügung gestellt hatten, und Schmuck im Wert mehrerer Hunderttausend Dollar trug, fühlte ich keine Zufriedenheit. Viel eher nagte etwas an mir – das schlechte Gewissen, Nervosität, Angst. Vor allem die Angst, dass er Ernst machen und die Drohungen kein leeres Geschwätz bleiben würden.

Schnell stoppte ich diese Gedanken und zückte mein Handy. An diesem Abend hatte er keine Macht über mich. Dieser Abend gehörte meinen Fans und mir. Also öffnete ich die entsprechenden Apps und begann, einige weitere Fotos von Jessi und mir hochzuladen.

True Magic auf dem Dark-Shadows-Maskenball!, schrieb ich unter eines der Bilder. Mein Herz verkrampfte sich ein wenig, als ich Jessi und mich so sorgenfrei in die Kamera lächeln sah, wie wir uns schminkten, wie wir lachten. Innerlich jedoch waren da immer die Zweifel.

Masken verdecken, wer du wirklich bist! What happens tonight stays here tonight!, textete ich danach. Dazu kam eine Reihe an Bildern, die ich im Laufe der letzten Stunde vom Ballsaal und der Villa mitsamt den ausladenden Gartenanlagen gemacht hatte. Ich ergänzte Fotos meiner Maske, die mich an diesem Abend mystisch und anziehend erscheinen lassen würde. Immer wieder fragte ich mich jedoch, was zum Teufel ich hier eigentlich machte und warum ich riskierte, ihm inmitten der Menschenmenge erneut zu begegnen.

Mein Gedankenkarussell wollte wieder loslegen, doch ich verbot mir meine Sorgen und Ängste und widmete mich dem nächsten Post zu DJ Moscow Mule, der später als Hauptact auftreten würde. Sein falsches Grinsen auf den Bildern ließ sämtliche feine Härchen in meinem Nacken aufrecht stehen.

Ich verdrängte auch diese Gedanken und ging in Richtung des Ballsaals, der sich so langsam mit den ausgewählten Gästen füllte. Jeder hier Anwesende zahlte eine stolze Summe für die Teilnahme. Auf die wenigen Greencards hatte es einen unglaublichen Run gegeben. An jeder Ecke sah ich auch die Security stehen, bullige Männer und toughe Frauen, die uns an diesem Abend schützen würden. Ich hoffte, dass sie das wirklich tun würden, denn seine Nachrichten waren in den letzten Tagen noch bedrängender geworden.

 

Unbekannt, 24.10.2024, 1.30 Uhr

Wirst du das schwarze Kleid tragen oder das rote? Würde bei dem roten dein Blut nicht besser kaschiert werden?

 

Unbekannt, 25.10.2024, 5.56 Uhr

Was wohl deine Fans dazu sagen, wenn du mit aufgeplatztem Schädel auf den Marmorfliesen liegst und ihnen den Abend ruinierst?

 

Unbekannt, 26.10.2024, 13.47 Uhr

Und was sagen eigentlich Mom und Dad dazu, dass du bewusst das Risiko eingehst, bei einem öffentlichen Event dein Leben zu verlieren? Sind sie stolz auf deinen Mut? Bewundern sie deine Emanzipation? Oder wissen sie etwa gar nicht, dass ich seit einem halben Jahr hinter dir her bin und dich besser kenne als du dich selbst? Dass ich dein Äußeres kenne, dein Inneres, deinen kranken Charakter, der sich danach sehnt, von mir dominiert zu werden? Seelisch und körperlich?

 

Die letzte Nachricht war erst wenige Stunden her, ein wirklicher Dämpfer an diesem Tag. Denn statt meiner Vorfreude auf dieses einzigartige und für mich sehr lukrative Event hing nun sein Schatten wie eine dunkle Wolke über mir. Allein seinen Namen zu denken, löste bei mir erneut eine Gänsehaut aus. Genauso wie die Erwähnung meiner Eltern, die an diesem Abend ebenso anwesend sein würden. Er hatte recht, dass sie nichts von ihm wussten und auch nie erfahren würden. Dieses kleine Geheimnis würde ich für mich behalten.

Mit ins Grab nehmen, spukte mir durch den Kopf, doch auch diese Worte erstickte ich in mir. Stattdessen tippte ich auf das rote Feld meines Telefons. Wie auf Knopfdruck erschien mein Millionen-Dollar-Lächeln und ich zirpte mit meiner fröhlich-vergnügten Stimme, die meine Follower stets begeisterte: »Hallo, meine Lieblingsmenschen! Nur noch ein paar Minuten, dann nehme ich euch mit zum angesagtesten Event in diesem Jahr. Ein exklusiver Ball mit unglaublichen Gästen, dekadentem Programm und einem Dresscode, für den ihr sterben würdet.«

Eine letzte lange Sekunde grinste ich breit und übertrieben aufgeregt in die Kamera. Dann ließ ich meinen Arm langsam sinken, atmete tief durch und versuchte, in mir die Kraft zu finden, dieses Schauspiel die kommenden Stunden durchzustehen.

Plötzlich vibrierte mein Handy und mich beschlich ein ungutes Gefühl.

 

Unbekannt, 26.10.2024, 17.45 Uhr

Ein Dresscode, für den ihr sterben würdet? Wie passend. Du wirst sterben heute Abend, ob du den Dresscode einhältst oder nicht. Mach dich bereit, Cassiopeia. Und pass auf, dass du keine anderen mit in den Tod reißt.

 

Ich erstarrte regelrecht, als ich die letzten Worte las. Solange er nur mich im Visier seiner kranken und oftmals auch perversen Nachrichten hatte, konnte ich diese absurden Worte ignorieren. Nun jedoch, da plötzlich auch andere angesprochen waren, erreichten die Nervosität und meine Angst einen neuen Höchststand. Würde er das wirklich tun?

Ich wusste es nicht, konnte ihn absolut nicht mehr einschätzen. Doch wie sollte man auch jemanden kennen oder beurteilen können anhand weniger Nachrichten und einigen Treffen mit dem gewissen Spannungsfaktor?

Ich seufzte, denn eine neue Taktik musste her. Und die beinhaltete wohl oder übel meinen eigenen Vater, einer der Veranstalter dieses Events. Ein Stalker mit Zugang zu Waffen, der plötzlich Ernst machte – das durfte ich nicht länger verschweigen. Denn nun ging es um die Sicherheit anderer.

Mit klopfendem Herzen näherte ich mich der Menge, die sich immer weiter in den Ballsaal drängte. Die glitzernden Outfits, das grelle Zahnpastalächeln und die funkelnden Diamanten der Anwesenden wollten mir schier den Atem rauben. Mein Vater musste hier irgendwo sein, sicherlich umringt von den Models, die sich von seinem großen Namen in der Politik blenden ließen, und seiner neuen Ehefrau, die so gern auf heile Welt machte. Es war jedoch, wie so oft in meinem Leben, alles nur Fassade. Eine, die mit jedem Tag mehr Risse bekam. Keine Ahnung, ob das nur an mir und meiner veränderten Perspektive lag. Ich wusste aber, dass auch hinter den herausgeputzten Antlitzen, die mir falsch lächelnd entgegenblickten, alles mehr Schein als Sein war.

»He, warte mal!«, riss mich eine dunkle Stimme plötzlich aus meinen Gedanken und ich erschrak. Hektisch drehte ich mich um, mein Herz pochte heftig in meiner Brust. Doch die Angst verblasste sofort. Benji kam auf mich zu, gekleidet in einen gut sitzenden Smoking, die Schuhe wie gewohnt sehr extravagant, das Haar zerwühlt. »Wo willst du denn jetzt schon hin? Ich dachte, wir haben zusammen unseren großen Auftritt?«, fragte er ein wenig anklagend, wie es mir erschien.

»Ich …« Meine Erklärung würde viele Fragen aufwerfen, die Benji zu diesem Zeitpunkt nur nervös machen würden. Also sagte ich nur: »Ich wollte meinen Dad suchen. Aber bestimmt ist es besser, nachher dort zusammen anzukommen.«

So zumindest war es abgemacht: Benji, Jessi und ich sollten als Special Guests separat eine Bühne erhalten. Im Vorfeld, vor den Drohungen und anderen Nachrichten, die ich bekommen hatte, hatte ich die Idee auch für gut befunden. Nun jedoch schrie diese Extra-Aufmerksamkeit danach, dass wir so erst recht Gefahr liefen, angegriffen zu werden.

Mein Herz raste, als ich mit Benji zurück in den VIP-Bereich ging. Er blieb sich treu und erzählte mir von seiner Begegnung im Nebenzimmer. Sein Auserwählter an diesem Abend war einer der Organisatoren des Events. Manchmal wollte ich wirklich nicht wissen, wie einige an ihre Deals kamen. Nicht dass ich mich davon ausnehmen würde und nicht schon das eine oder andere getan hatte, um ein Geschäft an Land zu ziehen. Mit meinen einundzwanzig Jahren fand ich rückblickend einige meiner Entscheidungen jedoch mehr als fragwürdig.

»Wo ist eigentlich Jessi? Ist die bei dem heißen Security-Guy? Ich wette, der hat es richtig drauf. Sie hat einfach ein gutes Händchen«, brabbelte mein bester Freund weiter, eine nervtötende, aber doch lebensnotwendige Eigenschaft. Immerhin lenkte er mich ab, denn mein Bauchgefühl hatte sich seit der letzten Nachricht minütlich verschlechtert. Sämtliche Alarmglocken schrillten in meinem System. Dieses Gefühl irrte nicht und ich hatte in der Vergangenheit meist richtiggelegen.

Nichtsdestotrotz musste ich meinen verdammten Job machen. Genauso wie Benji und Jessi, die wir kurz darauf trafen. Ein letztes Mal richteten wir unsere Kleider, dann waren wir bereit für den großen Auftritt. Dass die Like-Zahlen meiner Videos und Fotos neue Dimensionen erreichten und die Kommentare zu Tausenden reinflatterten, bewies das beständige Vibrieren meines Handys, als wir kurz darauf durch die jubelnde Menge schritten. Hunderte um uns herum schossen Fotos, viele wollten Aufnahmen mit uns.

Und die Menge konnte sich sehen lassen, kein Einziger stach negativ heraus. Alle hatten sich an den exquisiten Dresscode gehalten, waren auffällig geschminkt, hatten die Haare frisiert, und die Kleidung schillerte in allen Farben. Noch getoppt wurde das Ganze, als Benji, Jessi und ich die aufgebaute Bühne im Tanzsaal betraten und mein Vater, den ich endlich zu Gesicht bekam, die Veranstaltung eröffnete.

Nach dem allgemeinen Blabla und einer ausschweifenden Beweihräucherung verschiedener Beteiligter fuhr er fort: »Meine sehr verehrten Damen und Herren, in diesem Jahr steht nicht nur der alljährliche Dark-Shadows-Maskenball auf dem Programm, sondern heute werden gleichzeitig Scouts unter Ihnen sein, die Ihnen möglicherweise unglaubliche Angebote machen. Haben Sie also Spaß, genießen Sie den Luxus und sehen Sie dabei noch gut aus. Wer weiß, vielleicht stehen Sie im nächsten Jahr mit hier oben auf der Bühne, gemeinsam mit den bekanntesten Influencern, die dieses Land derzeit zu bieten hat.«

Wildes Gemurmel brach aus, als mein Vater kurz darauf seine Eröffnungsrede beendete und mir einen Blick zuwarf. Er war mir gegenüber schon immer sehr kritisch gewesen, hatte enorm hohe Ansprüche an mich gestellt und nie überwunden, dass ich nicht den Weg gegangen war, den er vorgeschlagen hatte. Internet-Sternchen zu sein, reichte ihm nicht für mich, er wollte mehr.

Entsprechend sah ich nur seinen abschätzigen Gesichtsausdruck, als Jessi wie abgemacht ans Mikro trat. Sofort grölte und jubelte das Publikum und die Stimmung heizte sich auf. Jessi verstand es, nicht nur ihren Körper in Szene zu setzen, sondern auch eine Menge wild zu machen.

Inmitten des Trubels stellte mein Vater sich neben mich. Er lehnte sich zu mir und murmelte: »Du hast zugenommen.«

Ich verbot meinem Gesicht, auch nur irgendeine Regung zu zeigen, und zeigte ihm nur gedanklich den Mittelfinger. Immerhin hatte ich ein Anliegen. Ich flüsterte: »Danke für dieses schöne Kompliment. Ich muss dir etwas sagen, das wir an das Sicherheitspersonal weitergeben sollten.«

Mein Vater schürzte die Lippen und nickte. Ich berichtete von den Drohungen und sein Blick wurde mit jedem Wort düsterer.

»Und du hast es bisher nicht für nötig gehalten, das irgendwem mitzuteilen? Kennst du den Spinner? Was denkst du dir dabei? Hast du nicht mitbekommen, was einigen dieser Möchtegern-Stars passiert ist?«

»Schon, aber …«

»Nichts ›Schon, aber …‹. Es geht hier um ein Event, das Monate geplant wird, das durch Gäste wie mich die höchsten Sicherheitsstandards hat, das Hunderte Leute hier zusammenpfercht, die wohlbehalten wieder nach Hause gehen sollen. Ist dir klar, was du also damit riskierst, dass du mir nicht sagst, dass du Drohungen erhältst? Ich bin der verdammte Gouverneur, ich darf auf keinen Fall in irgendwelche bedrohlichen Situationen hineingezogen werden. Der Secret Service kriegt sonst die Krise.«

Er reagierte genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Immer ging es um ihn, sein Business, seinen Erfolg, seine Gäste. Dass auch mir nach dem Leben getrachtet wurde, interessierte ihn nur nebenbei. Zumindest sah er mich so an.

»Ich fasse es echt nicht, dass du so dumm bist. Du hast in der Vergangenheit wirklich nichts dazugelernt, oder?«

Der Blick meines Vaters jagte mir einen Schauer über den Rücken. Ich wusste schon, warum ich ihn selten einweihte. Allerdings fühlte ich mich auch ein wenig erleichtert, da er nun Bescheid wusste. Ob er jedoch wirklich zu Mason, dem Sicherheitschef, gehen würde, sagte er nicht, sondern ließ mich einfach stehen.

Nachdem Jessi mit ihrem Mörder-Dekolleté die Menge warm gemacht hatte, schlug ich mich durch die Hunderten Fans und Feierwütigen. Mit Beginn des eigentlichen Balls hatten alle ihre extravaganten Masken aufgesetzt. Meine war im venezianischen Stil und vollkommen in Schwarz gehalten, ein edles Teil, das unglaublich schön aussah.

Auch andere hatten hochwertige Masken auf, die ihre Identität verbargen. So konnte das von mir verkündete Motto, dass alles, was an diesem Abend geschehen würde, auch genau hier bleiben würde, perfekt umgesetzt werden. Dieser Hauch Anonymität gab Sicherheit und ließ, so die Hoffnung, schnell die Hemmungen verschwinden. So war es in der Vergangenheit gewesen, so erhofften es sich die Talent- und Models-Scouts auch von diesem Abend.

Mit einer Körpergröße von nicht mal einem Meter fünfundsiebzig war ich zwar nicht die Größte, dennoch ließ ich meinen Blick durch den Raum wandern, um auszumachen, wo die attraktivsten Girls und Boys standen, die ich meinen Followern im anstehenden Livestream zeigen würde. Die ersten Töne von DJ Moscow Mule erklangen, sodass sich viele auf die Tanzfläche stürzten, während andere die Champagnerkorken knallen ließen. Ich grinste und führte Small Talk, machte Dutzende Fotos, doch irgendwann spürte ich instinktiv, dass ich beobachtet wurde. Ja, viele sahen in meine Richtung, wenn ich mitsamt einer Entourage durch die Menge ging. Doch da war noch ein anderer Blick, einer, der mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte.

Jessi lenkte mich kurz darauf ab, denn sie kreischte, als sie den Security-Guy wiedertraf. Er schnappte sich Jessi und gab ihr einen Kuss, der selbst mich zum Schwitzen brachte. Ich kommentierte das jedoch nicht, sondern nahm mein Handy und startete endlich den Livestream.

»I’m back. Und seht euch das an …« Ich schwenkte über die schon rasende Menge, die das angestimmte Lied des DJs mitsang, das den bevorstehenden Einmarsch des Stars ankündigte. »Hier sind Hunderte partywütige People, die die Performance von DJ Moscow Mule sehnsüchtig erwarten. Und ich bin mittendrin.«

Ich wechselte die Kameraperspektive und wieder setzte ich mein strahlendes Lächeln auf, der Lippenstift saß noch immer perfekt, da ich die Einzige meiner kleinen Gruppe war, die heute keine Zunge in den Hals gesteckt bekommen hatte.

Was Jessi da mit diesem Mann tat, zeigte ich nur kurz und lachte. »Gut, nicht alle sind wegen der Musik hier, sondern eher wegen der Security-Guys, die wohl für alle Bereiche des körperlichen Wohls zuständig sind.«

Benji tauchte neben mir auf, lachte ebenso und drängelte sich in den Fokus. »Aber vergesst nicht, Kinder, egal was ihr mit wem tut, nutzt stets ein Kondom. Sonst verfolgt euch eine kurze Bekanntschaft viel länger, als euch lieb ist.« Tatsächlich zückte er einen dieser kleinen Lebensretter aus der Tasche und nun rollte ich doch mit den Augen.

Ich riss das Handy wieder zu mir herum und drehte mich mitsamt der Kamera zur Bühne. »Aber wir wollen euch nicht zeigen, wer es hier mit wem treibt, sondern ihr wollt ja sehen, was auf der Bühne abgeht.«

Ich hielt das Telefon hoch und zeigte DJ Moscow Mule, der soeben an der Bühne ankam. Dann schwenkte ich erneut durch die Menge, filmte heiße Mädels, die in ihren Ballkleidern umwerfend aussahen, und gut gebaute Männer, die die Blicke auf sich zogen.

Inmitten des Livestreams erhielt ich plötzlich eine neue Nachricht. Sie poppte am oberen Bildschirmrand auf und brachte mein Herz zum Rasen.

 

Unbekannt, 26.10.2024, 19.15 Uhr

Hältst du drauf, Cassiopeia?

 

Ich erschauderte, filmte jedoch weiter tapfer in die tanzende Menge, auch wenn er mich direkt ansprach, indem er meinen Künstlernamen nutzte. Cassiopeia war es, die all das hier möglich gemacht hatte und nun ihre Unterstützer an diesem Abend teilhaben lassen wollte. Nicht aber diesen Mann, der in letzter Zeit nur Stress und Ängste verursacht hatte. Dieser Stream war für meine Fans gedacht. Sie wollten diese Momente sehen, wollten dabei sein, als ich selbst von Benji und Jessi auf die Tanzfläche gezogen wurde, die Musik laut und durchdringend.

Eine weitere Nachricht ploppte auf, als ich mich mitsamt dem Handy drehte.

 

Unbekannt, 26.10.2024, 19.25 Uhr

Tanz für mich, Püppchen, tanz. Und erinnere dich daran, wie gut wir getanzt haben, Noa.

 

Nun nutzte er meinen echten Namen, doch auch das ignorierte ich. Ich lachte stattdessen affektiert, als wir uns zu dritt drehten und andere es uns nachmachten. Noch höher kletterte die Teilnehmerzahl des Livestreams. Ich hatte es geschafft, hatte diese Veranstaltung nicht nur im Vorfeld populär gemacht, sondern würde auch uns unsterblich machen mit dieser Publicity, die mein einst so kleiner Kanal mittlerweile mit sich brachte.

 

Unbekannt, 26.10.2024, 19.27 Uhr

Dreh dich ein letztes Mal, Noa, und dann verabschiede dich, denn es ist Zeit für dich, zu gehen.

 

Kälte kroch durch meine Adern, wollte mich lähmen. Vorbei war das Gefühl der Euphorie und Überlegenheit. Viel eher blieb nur die Erkenntnis, dass sich die Welt mit und ohne diese Momentaufnahmen weiterdrehen würde. Und auch mit und ohne mich. Genau wie er es sagte. Ich ließ das Handy sinken, der Livestream vergessen, meine Freunde ebenso. Denn plötzlich sah ich ihn, den Schatten, der mir seit Monaten folgte und dem ich ein Mal zu oft zu nahe gekommen war.

Die Menge um mich herum wurde wilder, der Bass noch lauter, die Temperatur war um mindestens zehn Grad gestiegen. Ich stolperte, das Handy wackelte vermutlich unzumutbar. Schnell holte ich es wieder hinauf und hielt es auf ihn, als könnte ich so stoppen, was auch immer er plante. Doch ich war zu spät.

»Was ist los?«, schrie Jessi mir ins Ohr.

Ich reagierte nicht, denn ich sah in meinem eigenen Screen nur, wie der Mann mit einer schwarzen Maske ein breites Grinsen aufsetzte und plötzlich eine Waffe zückte.

Himmel, war die Knarre echt? Oder nur Schreckschuss? Und wie, verdammt, hatte er die hier reinbekommen? Heute war doch höchste Sicherheitsstufe! Und ich hatte meinen Vater vorhin alarmiert, der hatte wohl der Security eingebläut, noch schärfer aufzupassen, oder?

Wie in Zeitlupe bewegte sich alles um mich herum. Tausend Gedanken rasten mir durch den Kopf. War das schon alles? War das mein Leben gewesen? Der Typ würde doch nicht wirklich abdrücken, oder?

Ich schnappte nach Luft.

Der Mann drückte ab.

Laut und schallend durchriss der Schuss die Musik. Ich rührte mich nicht, tat nichts, außer einen letzten Atemzug zu nehmen.

Panisches Kreischen.

»Er hat eine Waffe!«, schrie jemand, die Musik dröhnte, plötzlich rammte jemand mich von hinten, dann von der Seite. Jessi packte mich am Arm, zog mich mit sich, um uns herum eine fliehende Herde. Weitere Schüsse hallten, Leute gingen zu Boden, ob getroffen oder als Schutzmaßnahme, wusste ich nicht. Die Schreie wurden unerträglich, die Angst, von einer Kugel getroffen zu werden, machte mich wahnsinnig.

Ich stolperte hinter Jessi her, doch ich riss mich los. Der Schütze wollte nur mich, ich war sein Ziel.

»Weiter! Schneller!«, befahl Jessi scharf.

»Hier lang!«, forderte Benji, doch noch ehe wir den von panischen Menschen verstopften Ausgang des Ballsaals erreichten, fiel Jessi plötzlich neben mir. Das Handy filmte weiter, als ich zurückstolperte. Mein Herz raste, mein Mund formte sich zu einem stummen Schrei. Nein! Nein! Nein! Das durfte nicht sein! Nicht Jessi!

Meine Freundin lag mit dem Gesicht auf dem Boden, ihr Körper zuckend, Blut überall. Verdammt, überall Blut!

»Jessi!«, kreischte ich und krachte mit den Knien voran auf die Fliesen. Immer mehr Schüsse fielen, und da lag Jessi, ihr Hinterkopf eine fleischige Masse. Das durfte nicht wahr sein, das durfte nicht geschehen. Es ging doch um mich und … Warum Jessi?!

Plötzlich tauchte er direkt vor mir auf, blutig, die Augen voller Mordlust. Tränen quollen aus meinen Augen, als ich mit erstickter Stimme in Richtung Benji krächzte: »Runter!«

Er hechtete zur Seite, ich musste Jessi loslassen und floh. Doch zu spät. Beißender Schmerz explodierte in meinem linken Oberschenkel. Ich schrie, fiel, rollte ab und wollte weglaufen. Doch mein Bein klappte unter mir weg und Kugeln schlugen neben mir ein.

»Noa!«, brüllte Benji und tauchte in meinem verschwimmenden Sichtfeld auf. Ich war vollkommen perplex, unglaublicher Schmerz in meinem Bein.

»Shit!« Ich stöhnte. Eine Kugel steckte in mir, ein Todesurteil, wenn ich nicht sofort eine Lösung fand.

Das Handy filmte auch diesen Anblick, dann die Treffer, die in die aufwendig verzierte Wand hinter mir einschlugen, ehe der Schatten rief: »Komm her, Noa, und spiel mit mir!«

Mir wurde schlecht, Benji fletschte die Zähne. »Dieser verdammte Wichser, ich …!«

Doch ich hörte nicht, was er als Nächstes sagte. Feuriger Schmerz übermannte mich, die Welt um mich versank in Schwärze, ich fiel. Schuld und Reue waren das Letzte, das ich empfand. Könnte ich doch nur an den Moment zurückgehen, als ich die fatalste Entscheidung meines Lebens getroffen hatte. Ich würde alles anders machen. Ihn nicht mein Leben zerstören lassen. Ihn nicht …